Zu einem gelungenen Tag am Meer gehört für viele Urlauber ein landestypisches Gericht mit Meerestieren. Ob Fisch, Muscheln oder Kalamari – im Urlaub schmecken die mediterranen Köstlichkeiten doppelt so gut wie zu Hause. Doch manchmal nimmt der Restaurantbesuch ein jähes Ende. Nämlich dann, wenn die Mundschleimhaut zu jucken beginnt und sich Quaddeln über Gesicht und Körper ausbreiten. Oft ist der Verzehr von sogenannten Weichtieren die Ursache für solch eine allergische Reaktion.
Der Stamm der Weichtiere (Mollusca) umfasst Muscheln, Schnecken und Kopffüßer. Charakteristisch für diese Tiergruppe ist der Besitz einer Schale, welche auch im Körperinneren verborgen liegen kann. Der Begriff „Schalentiere“ ist wissenschaftlich unpräzise, da hiermit auch Stachelhäuter wie Seeigel und verschiedene Krebstiere (Garnelen, Krabben, Krebse) gemeint sind. „Meeresfrüchte“ ist eine ebenfalls weniger differenzierte Sammelbezeichnung für eine beliebige Mischung aus Weichtieren und Krebstieren.
Einige häufig zum Verzehr angebotene Weichtiere sind:

  • Miesmuscheln, Venusmuscheln, Austern (Muscheln)
  • Seeohren, Abalone, Napfschnecken, Weinbergschnecken (Schnecken)
  • Calamari, Octopus, Krake, Pulpo (Kopffüßer)

 

Muscheln

 

Ursachen einer Weichtiere-Allergie

Das menschliche Immunsystem klassifiziert körperfremde Stoffe bei Erstkontakt als unschädlich oder schädlich. Krankheitserreger wie Bakterien oder Viren induzieren die Bildung von Antikörpern, sogenannten Immunglobulinen, die sich an spezifische Molekülstrukturen des Eindringlings heften und dessen Zerstörung oder Inaktivierung veranlassen. Aggressive Erreger verursachen dabei mitunter spürbare Krankheitssymptome. Nach Abschluss der Abwehrreaktion verbleiben die Antikörper im Organismus, um bei wiederholtem Kontakt sofort aktiv zu werden. Das Immunsystem ist nun sensibilisiert. Dieser wichtige und komplexe Prozess ist im Fall einer Allergie fehlgeleitet und richtet sich gegen normalerweise harmlose Stoffe wie zum Beispiel Pflanzenpollen oder Nahrungsmittelbestandteile. Allergieauslösende Substanzen (Allergene) gehören meistens zur Gruppe der Eiweiße. So wurde in Mollusken das MuskelfaserproteinTropomyosin als Substanz mit hochallergenem Potenzial identifiziert. Dass noch weitere, noch nicht charakterisierte Allergene vorhanden sind, ist wahrscheinlich. Hitze, Säuren oder bestimmte Enzyme können in einigen Fällen die Erkennungsstellen eines allergenen Proteinmoleküls zerstören. Das fragliche Lebensmittel verursacht dann nur Symptome, wenn es roh verzehrt wird; ist es jedoch gekocht, bleibt der Allergiker weitgehend beschwerdefrei. Das Tropomyosin der Weichtiere aber ist hitzestabil und wird beim Kochen nicht unschädlich gemacht. Hochgradige Sensibilisierungen sind möglich. Hier genügen oftmals bereits kleine Mengen des Nahrungsmittels, um eine allergische Reaktion auszulösen.

Weichtiere: Allergie-Symptome und Verlauf

Die Aktivierung des Immunsystems geht mit der Ausschüttung des Botenstoffs Histamin einher, der eine Entzündungsreaktion verursacht und damit die typischen allergischen Symptome auslöst. Im Vergleich zu einer normalen Reaktion des Abwehrsystems ist die immunologische Reaktion auf ein Allergen übersteigert. Die Weichtiere-Allergie ist eine sogenannte Typ-I-Allergie. Das bedeutet, dass die Reaktion unmittelbar oder nur mit kurzer Verzögerung nach Aufnahme der kritischen Substanzen erfolgt.
Als Symptome können auftreten:

  • Urtikaria (Nesselsucht)
  • Quincke-Ödem (Hautschwellungen)
  • OAS (orales Allergiesyndrom)
  • Kreislaufprobleme
  • anaphylaktischer Schock: Lebensgefahr!

Eine durch Weichtiere verursachte Allergie gehört in Deutschland zu den eher seltenen Erkrankungen. Das liegt vor allem daran, dass Mollusken nicht zu den üblichen Zutaten der hiesigen Küche zählen. Daher wissen Betroffene häufig gar nichts von ihrer Allergie gegen Weichtiere und erleben die ersten Symptome erst im Urlaub. Ganz anders verhält es sich dagegen in den Mittelmeerländern, wo Weichtierallergie eine der am häufigsten vorkommenden Allergieformen ist. Jedoch wandeln sich die Ernährungsgewohnheiten ständig, wodurch heute zunehmend auch ehemals ungewöhnliche Zutaten die heimische Küche bereichern.

 

Schnecke auf Erdbeere

 

Kreuzallergien zwischen Weichtieren und Krebstieren

Eine weitere Problematik ergibt sich aus einer möglichen Kreuzallergie: Das Eiweiß Tropomyosin kommt auch in anderen Organismengruppen vor. Vor allem Krebstiere wie Garnelen, aber auch Milben (Hausstaub) und Schaben besitzen strukturell ähnliche Tropomyosine, die bei sensibilisierten Personen ebenfalls Symptome hervorrufen können. Auch der umgekehrte Fall ist denkbar: Eine bestehende Hausstaub-Allergie kann auf eine Anfälligkeit für Weichtier-Allergene hindeuten. Solch eine Kreuzreaktivität entwickelt sich nicht zwingend, sie kann aber spontan auftreten. Eine erhöhte Aufmerksamkeit bei Kontakt mit den genannten Tiergruppen ist daher ratsam. Die Proteine der Krebstiere sind ebenfalls hochallergen und können schwere allergische Reaktionen verursachen.

Behandlungsmöglichkeiten einer Weichtiere-Allergie

Bei erstmalig auftretenden, akuten allergischen Symptomen sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen. Leichtere Beschwerden lassen sich in der Regel durch Antihistaminika lindern. Bei schwerwiegender Ausprägung der Reaktion und vor allem, wenn Schwellungen die Atemwege beeinträchtigen, besteht hingegen die Gefahr eines lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schocks. Der Einsatz kortisonhaltiger Präparate soll die ausufernden Entzündungsreaktionen unterdrücken und den Wassergehalt des Gewebes regulieren.
Für den weiteren Umgang der Betroffenen mit der Erkrankung ist eine präzise Diagnose wichtig. Der Arzt wird hierzu einen Pricktest und eventuell zusätzliche Bluttests durchführen, um die allergieauslösenden Substanzen sicher identifizieren und von anderen Allergenen abgrenzen zu können. Auch eine Nahrungsmittelvergiftung oder -unverträglichkeit gilt es auszuschließen, da die Toxine verdorbener Meerestiere ähnliche Symptome wie eine Allergie verursachen können. Zur langfristigen Therapie einer Lebensmittelallergie kann eine Hyposensibilisierung durchgeführt werden. Hierzu werden dem Betroffenen über einen längeren Zeitraum geringe Dosen der entsprechenden Allergene zugeführt, sodass der Körper sich an das Allergen gewöhnen und die Reaktionsschwelle erhöhen kann.

 

Kalamari

 

Mit der Allergie leben

Schnecken oder Muscheln gelten vielerorts als Delikatesse und werden vor allem in der mediterranen und ostasiatischen Küche gerne verarbeitet. Landestypische Gerichte, die Teile von Weichtieren enthalten können, sind beispielsweise Paella, Sushi, Bouillabaisse oder Lapas. Doch Vorsicht: Die immunologische Reaktion ist nicht nur auf Meerestiere beschränkt. Auch der Verzehr der landlebenden Weinbergschnecke kann für empfindliche Personen problematisch sein. Allergiker sollten die allergieauslösenden Lebensmittel konsequent meiden.
Für Mollusken und daraus gewonnene Erzeugnisse besteht nach aktuellem EU-Recht eineKennzeichnungspflicht. Betroffene können durch sorgfältiges Lesen der Zutatenliste von Fertigprodukten einen Kontakt mit den Allergenen weitestgehend verhindern. Bei einem Restaurantbesuch ist es hilfreich, sich Zutaten und Zubereitungsart erläutern zu lassen. Hochgradig sensible Allergiker sollten auch stets die Möglichkeit einer Kreuzkontamination im Blick haben, wenn zum Beispiel Fleisch auf demselben Grill zubereitet wird wie zuvor Muscheln.