Glutenunverträglichkeit / Zöliakie

Etwa ein Prozent der Deutschen leidet an Zöliakie – Frauen häufiger als Männer. Dabei ist die Erkrankung mehr als nur Durchfall und Bauchschmerzen. Früher vornehmlich bei Kindern diagnostiziert, erkranken heute auch immer mehr Erwachsene an Zöliakie.

 

 

Was ist Zöliakie?

Zöliakie ist eine immunologisch vermittelte Multiorganerkrankung, bei der eine genetisch bedingte Unverträglichkeit (Hypersensitivität) des Dünndarms gegenüber dem Klebereiweiß Gluten vorliegt. Bei Aufnahme glutenhaltiger Nahrung (unter anderem Weizen, Roggen, Dinkel) werden im Dünndarm Entzündungsreaktionen ausgelöst, die langfristig zu Schädigungen der Dünndarmschleimhaut führen (= glutensensitive Enteropathie). Die Schleimhautveränderungen führen wiederum zu Malabsorption (mangelhafter Nährstoffaufnahme), gastrointestinalen Beschwerden wie chronischem Durchfall, Völlegefühl und Blähungen sowie weiteren Symptomen außerhalb des Darms. Nur lediglich jeder Zehnte der Betroffenen zeigt jedoch dieses symptomatische Vollbild, bei den meisten sind atypische, diskrete oder sogar keine Symptome zu beobachten. Eine Zöliakie kann zwar in jedem Lebensalter auftreten. Dennoch gibt es zwei Manifestationsgipfel: das Säuglingsalter und das vierte Lebensjahrzent.

Ursachen: Wie entsteht eine Zöliakie?

Die Ursachen der Zöliakie sind bislang nicht vollständig geklärt. Auszugehen ist aber von einer erblich bedingten Prädisposition, da mehr als 98 Prozent der Zöliakie-Betroffenen einen bestimmten Genotyp (Gesamtheit der Erbfaktoren) aufweisen. Bei diesen liegt der sogenannte HLA-Halotyp HLA-DQ2 und/oder HLA-DQ8 vor. Den beschriebenen Genotyp weisen etwa 30 bis 40 Prozent der deutschen Bevölkerung auf, aber bei lediglich einem Prozent manifestiert sich die Erkrankung. Daher wird davon ausgegangen, dass weitere Faktoren wie Infektionen, die Ernährung und Umweltfaktoren eine Rolle spielen.

Darüber hinaus treten einige Erkrankungen gehäuft zusammen mit Zöliakie auf. Hierzu gehören

  • Turner-Syndrom
  • Down- Syndrom
  • IgA-Mangel
  • Typ-1-Diabetes
  • Autoimmunerkrankungen wie Morbus Basedow, Hashimoto-Thyreoiditis (autoimmune Schilddrüsenerkrankung) oder Autoimmunhepatitis

Was passiert im Dünndarm bei einer Zöliakie?

Im Dünndarm wird die aufgenommene Nahrung in ihre Bestandteile aufgespalten und über die Schleimhaut in den Körper transportiert. Diese ist zur Oberflächenvergrößerung und damit besseren Nahrungsaufnahme mit sogenannten Zotten (faltenartige Ausstülpungen) ausgekleidet. Bei Zöliakie-Betroffenen löst die Aufnahme von Gluten entzündliche Prozesse in der Schleimhaut des Dünndarms aus, die zu einer Rückbildung der Zotten (Mukosaläsionen) führen. Dadurch wird die Oberfläche des Dünndarms verkleinert, sodass Nährstoffe nicht mehr in ausreichendem Maße aufgenommen werden können (Malabsorptionssyndrom). Infolge der dadurch entstehenden Nährstoffdefizite manifestieren sich in Kombination mit den entzündlichen Veränderungen der Schleimhaut schließlich die für Zöliakie charakteristischen Symptome. So kommt es unter anderem sehr häufig durch die beschädigte Schleimhaut des Dünndarms zu einem vorübergehenden sekundären Laktasemangel. Das Enzym Laktase wird für die Aufspaltung von Milchzucker (Laktose) benötigt. Fehlt dieses, kommt es zu einer Laktoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit), die sich anhand von Bauchschmerzen, Blähungen und Völlegefühl nach dem Verzehr von Milchprodukten äußert.

Zöliakie-Symptome: Erkrankung mit vielen Gesichtern

Die Zöliakie zeigt unterschiedliche Verlaufsformen mit einem sehr variablen Symptomspektrum. Die klassische und klinisch typische Zöliakie ist vor allem durch Diarrhoe (Durchfall), Übelkeit, Blähungen und Völlegefühl gekennzeichnet. Typisch ist zudem ein Malabsorptionssyndrom mit Gewichtsverlust, Blutarmut sowie Eiweiß- und Vitaminmangel. Insbesondere bei Kindern kann die Mangelernährung infolge der gestörten Dünndarmfunktion zu Entwicklungs- und Wachstumsstörungen führen. Bei lediglich 10 bis 20 Prozent der Betroffenen kann allerdings dieses Vollbild beobachtet werden.

Zwischen 80 und 90 Prozent zeigen untypische oder sogar keine Symptome. So zeigt sich beispielsweise bei etwa 40 Prozent der Betroffenen ein atypischer Verlauf, bei welchem die gastrointestinalen Symptome lediglich sehr schwach ausgeprägt sind oder fehlen. Stattdessen manifestieren sich extraintestinale Symptome wie die sogenannte Dermatitis herpetiformis Duhring, eine chronische Hauterkrankung mit Erythema (Hautrötung), Plaques (erhabene Hautveränderungen) sowie herpesartigen Bläschen insbesondere im Bereich der Streckseiten der Extremitäten (symptomatische Zöliakie). Darüber hinaus können sich eine atrophisch gerötete Zunge, Zungenbrennen, Osteoporose, chronische Hepatitis sowie Arthritis zeigen. In einigen Fällen weisen die Betroffenen ein diskretes Symptombild mit einer Eisenmangelanämie oder Kleinwuchs auf (mono- bzw. oligosymptomatische Zöliakie).

Bei der häufig auftretenden subklinischen Zöliakie fehlen dagegen oftmals sämtliche Krankheitssymptome. Bei den genannten Formen lässt sich zumeist histologisch eine pathologisch veränderte Dünndarmschleimhaut nachweisen. Die sogenannte potenzielle Zöliakie zeichnet sich dadurch aus, dass keine histologisch nachweisbaren Veränderungen der Dünndarmschleimhaut vorliegen und weitere Symptome fehlen oder lediglich unspezifisch sind. Die Antikörper können aber serologisch nachgewiesen werden.

Wie wird Zöliakie diagnostiziert?

Besteht aufgrund des Beschwerdebildes oder einer potenziellen genetischen Disposition (Zöliakiefälle in der Verwandtschaft) der Verdacht auf Zöliakie, werden – neben der Bestimmung der IgA-Gesamtkonzentration zum Ausschluss eines IgA-Mangels – die zöliakiespezifischen IgA-Autoantikörper im Blutserum bestimmt. Bei der symptomatischen Zöliakie mit Dermatitis herpetiformis Duhring können IgA-Ablagerungen in der Haut nachgewiesen werden.

Abgesichert wird die Diagnose durch eine endoskopische Duodenalbiopsie (Dünndarmbiopsie), bei welcher ein dünner Schlauch über Mund, Speiseröhre und Magen zum Dünndarm geführt wird, um aus unterschiedlichen Bereichen des Dünndarms Gewebeproben zu entnehmen und anschließend mikroskopisch zu untersuchen. Sie dient dem Nachweis der für Zöliakie charakteristischen Mukosaläsionen. Die Biopsie sollte in jedem Fall vor Diätbeginn durchgeführt werden, da sich unter glutenfreier Ernährung nicht nur die IgA-Antikörper-Konzentration normalisiert, sondern sich auch die Veränderungen der Dünndarmschleimhaut verbessern. Bei Kindern kann unter Umständen auf eine Biopsie verzichtet werden.

Therapie: Behandlung durch glutenfreie Ernährung

Die Therapie basiert bei einer Zöliakie vor allem auf einer lebenslangen glutenfreien Diät (GFD; Karenztherapie), durch welche sich die entzündlich veränderte Dünndarmschleimhaut regenerieren kann. Zu verzichten ist hierbei vor allem auf Produkte aus

  • Weizen
  • Gerste
  • Roggen
  • Dinkel
  • Grünkern sowie
  • alte Weizensorten wie Emmer, Einkorn und Khorasan-Weizen.

Auch Lebensmittel, die lediglich Spuren dieser Getreidesorten enthalten, sollten Betroffene vermeiden, da bereits kleine Glutenmengen zum erneuten Auftreten von Symptomen führen können. So wird beispielsweise Hafer an sich vertragen. Hier sollte aber beim Einkauf darauf geachtet werden, dass das angebotene Produkt nicht mit glutenhaltigen Getreidesorten kontaminiert ist und das Symbol für Glutenfreiheit (durchgestrichene Ähre) aufweist. Die Ernährung wird zur Kompensation verstärkt auf Kartoffeln, Mais, Reis, Hirse, Buchweizen, Sojabohnen und andere glutenfreie Lebensmittel umgestellt. Zumeist ist bereits nach wenigen Tagen eine Verbesserung zu beobachten. Liegt ein sekundärer Laktasemangel vor, sollten darüber hinaus Milch und Milchprodukte vermieden werden. Bei vorliegender Malabsorption werden die fehlenden Vitamine und Mineralstoffe substituiert.

Die juckenden Hautveränderungen werden mit Dapson-Tabletten, die über entzündungshemmende Eigenschaften verfügen, systemisch behandelt. Die juckenden Hautbereiche können zusätzlich lokal mit desinfizierenden Lotionen oder Salben, in ausgeprägten Fällen kurzzeitig auch mit Kortisonpräparaten, behandelt werden. Zudem wird empfohlen, zumindest zu Beginn auf jodhaltige Speisen zu verzichten, da Jod Hautveränderungen fördern kann.